Veröffentlicht am Fr., 3. Apr. 2020 00:15 Uhr

Mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche. Die Woche, an deren Ende der Karfreitag, das Gedenken an die Kreuzigung Jesu steht. Eine Woche, die sich schon in normalen Zeiten von den anderen unterscheidet und sei es auch nur dadurch, dass wir in dieser Woche mit dem Gründonnerstag und dem Karfreitag gleich zwei kirchliche Feiertage begehen.  

Die Karwoche in Corona-Zeiten hat darüber hinaus eine besondere Prägung. Der Verzicht auf das normale Leben, das weltweite Leiden und Sterben so vieler Menschen ängstigen so manche von uns und versetzen sie in Trübsal und Trauer. 

Auch der Predigttext des Palmsonntags hat Leiden und Sterben mit im Blick, das Leiden und Sterben Jesu, und setzt zugleich auf dem Leidensweg des Gottessohnes einen besonderen Akzent. Es ist die Erzählung von Jesu Salbung durch eine unbekannte Frau in Bethanien. Sie finden den Text im Markusevangelium im 14. Kapitel. 

Schon der Auftakt lässt mich aufhorchen, denn da heißt es „als Jesus in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen“. Die Erkrankung an Aussatz (heute nennen wir diese schreckliche Krankheit Lepra) führte damals zu einer gesellschaftlichen Isolierung des Erkrankten und die Parallele zu den heute an Covid-19-Erkrankten ist augenfällig. Jener Simon aus Bethanien wird aber geheilt gewesen sein, denn sonst hätte in seinem Haus keine Versammlung stattgefunden. Und dennoch ist Jesu Besuch in seinem Haus keine Selbstverständlichkeit. 

Noch weniger selbstverständlich ist das, was dann erzählt wird: „Da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt“. Eine Handlung wie wir sie aus biblischen Zusammenhängen von der Salbung der Könige kennen. Durch das Tun der Frau wird Jesus zum Gesalbten und für nichts anderes steht das hebräische Wort „Messias“ (griechisch Christus). Das, was diese Frau hier tut, ist damit so etwas wie ein Bekenntnis: Du bist für mich der von Gott Gesandte, der verheißene Retter, der Messias. Und zugleich ist ihr Handeln bestimmt von großer Verehrung und liebevoller Zuwendung. Jesus gibt dem, was die Frau an ihm vollzieht, noch eine andere Deutung, als er sagt: „Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“  

Diese Frau hat auf das gehört, was Jesus angekündigt habe: Dass sein Sterben nahe bevorsteht. Dass die Jünger gegen das Handeln der Frau protestieren und es als Vergeudung bezeichnen, stelle ich hier einmal zur Seite, denn es scheint mir zweitrangig. Denn in dieser Erzählung geht es vor allem darum zu erkennen, was in jenem Moment das Wichtigste ist und aus dieser Erkenntnis zu handeln. Das hat jene namenlose Frau getan. Und das sollen und können auch wir tun. 

Das Wichtige, das wir augenblicklich tun sollen und können, ist Distanz zu wahren, um andere nicht zu gefährden. Aber zugleich ist es genauso wichtig, die Nöte der Hilfsbedürftigen und Leidenden wahr zu nehmen. Seien es einsame Menschen, deren Einsamkeit sich in der gegenwärtigen Situation noch verstärkt und die deshalb auf Zeichen warten, dass sie nicht vergessen sind. Seien es Menschen, die unter katastrophalen Bedingungen leben, wie die Geflüchteten auf den griechischen Inseln, die darauf hoffen, dass sie aus ihrer Not befreit werden und eine neue Heimat finden. Seien es Trauernde oder Kranke, die auf Trost und Beistand warten, die wir ihnen geben können. 

Jesus zeigt sich in der Erzählung als wahrer Mensch, der unter dem Bevorstehenden leidet und deshalb dankbar für das Zeichen der Zuwendung und Mitfühlens jener Frau ist. Sie leidet mit ihm und spendet ihm Trost, macht sichtbar, oder besser riechbar, wie wertvoll er ihr ist. Für Jesus ist dies Hilfe und Trost auf dem Weg zum Kreuz. 

Zu solcher Hilfe und solchem Trost für die Hilfsbedürftigen in unseren schwierigen Tagen möchte ich Sie ermutigen und Ihnen eine gesegnete Karwoche wünschen.

Pfarrer Volker Lübke

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Kategorien Kirchenjahr