Veröffentlicht am Do., 28. Mai. 2020 10:00 Uhr

Der Wind kommt aus Nordwesten. Wie eigentlich immer. Er pfeift durchs Tegeler Fließtal, er rüttelt an den Lindenbäumen auf dem Dorfanger, sogar die dicken Eichen vor der Kirche beugen sich. „Wind kannst du nicht sehen, aber was er tut“ – die Zeile aus dem Kinderlied geht mir durch den Kopf. Unsichtbar, nicht zu greifen, nicht festzuhalten ist der Wind. Und doch biegen sich dicke Äste, wo er bläst.

Der Wind ist die Hauptperson am Pfingstfest. Denn an Pfingsten feiern wir, was den Jüngern Jesu geschah, die sich abgeschottet hatten gegen den Wind. Eingeschlossen in ein Haus, Türen zu, Fensterläden zu, keine Zugluft bitte. Und da geschah ihnen folgendes (Apostelgeschichte 2):

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an "einem" Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

Auf einmal war er da. Hatte die Schotten weggepustet. Die stickige Luft weggeblasen. War in jeder Ecke des Hauses spürbar. Unsichtbar zwar, nur Luft, aber doch da. Nicht zu greifen, aber alles ergreifend und packend. „Wind kannst du nicht sehen, aber was er tut.“

Bei Gott ist es genauso: Er ist unsichtbar, man kann nur sehen, was er bewegt, in dieser Welt, in unserem Leben.

Unsichtbar und dennoch stark. Stark genug, vermeintlich fest stehendes umzupusten, Bewegung in den Stillstand zu bringen, Veränderung ins Statische, Umbrüche, Energie, Sauerstoff zum Leben.

Das ist nicht immer bequem. Oder gemütlich. In diesen Tagen stehen Fenster und Türen weit offen, wo immer Menschen zusammensind. Auch wenn draußen die Eisheiligen ihrem Namen Ehre machen und der Wind aus Nordwest pustet. Dann sitzen Kollegen, Gemeindekirchenräte, Gemeinden in gut durchlüfteten, ziemlich frischen Räumen und Kirchen. Da bleibt man nicht lang am Fleck. Da zieht es einen raus, ein bisschen die kalten Füße bewegen.

Das macht der Wind. Und so wirkt Gott. Setzt in Bewegung, die festsitzen. Rüttelt an Türen und Fenstern, die fest verschlossen sind – wie damals in Jerusalem. Wie heute, wenn wir uns einigeln ins Gewohnte, Bequeme, Erprobte.

Gott ist die Energie, die uns etwas anpacken lässt. Die uns zusammenführt. Über alle Hindernisse und Beschränkungen hinweg. Wo Menschen sich etwas einfallen lassen, um trotz Kontakt-Beschränkung in Kontakt zu bleiben oder überhaupt erst in Kontakt zu kommen, da weht und pustet Gottes Geist.

Nun weht ja nicht immer frischer Wind mit steifen Böen. Wind kann auch ein ganz leichtes Säuseln sein, das kaum einen Halm bewegt. Leise spricht auch Gott zu uns, häufiger sogar als laut und brüllend wie der Sturmwind. Aber beständig. Beharrlich. Dann gilt es gut hinzuhören. Es gibt ja so viele Stimmen, die mir ins Ohr säuseln und mich etwas glauben machen wollen. Manche zischeln boshaft und wollen mir den Mut nehmen: Das klappt doch eh nicht. Du schaffst nie, was du dir vorgenommen hast. Manche wollen Neid und Missgunst säen: Schau her, die da haben es viel besser als du. Sieh zu, dass du nicht zu kurz kommst.

Wer hier auf die leise beharrliche Stimme Gottes hört, der immer und immer wieder sagt: Ich glaube an dich, und gemeinsam kriegen wir das hin. Du bist einzigartig und geliebt, niemand kann dir das nehmen – wer auf diese leise Stimme Gottes hört, dem wird Gott zu einem Wind im Segel, mit dem wir Grenzen überwinden. Denn der Wind kennt gar keine Grenzen. Die sind menschengemacht - Striche auf der Landkarte, nur durch Konvention, Vorurteil, Ängstlichkeit errichtete virtuelle Barrieren. Der Wind schert sich darum nicht. Gott ist grenzenlos und pustet unsere Barrieren weg. Lässt uns für einen Moment erschauern vor der Frische und Kühle, die dann da ist. Aber dann greift er uns, bewegt uns, und wir gehen los, mit Rückenwind.
Amen.

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(Foto: pixabay.com)

Kategorien Kirchenjahr