Veröffentlicht am Fr., 14. Aug. 2020 13:25 Uhr

Elf Wochen nach Pfingsten ist „Israelsonntag“, in diesem Jahr also am 16. August. Wenn schon beim Pfingstfest das Wissen um Grund und Anlass dieses Festes nur noch bei ganz hartgesottenen Kirchgängern vorhanden ist – wer weiß dann, was am Israelsonntag bedacht, gefeiert, beklagt wird? Viele Jahrhunderte lang ging es an diesem Sonntag um die Trauer um das zerstörte Jerusalem. Zweimal ist der Jerusalemer Tempel, Herzstück und Sehnsuchtsort für das Volk Israel, zerstört worden: Im Jahr 586 vor Christus durch die Babylonier und im Jahr 70 nach Christus durch die Römer. Über Jesus wird in der Bibel nur sehr selten (zwei Mal) berichtet, dass er weint. Angesichts der (Vorahnung der) Zerstörung Jerusalems und des Tempels bricht Jesus in Tränen aus. Wo dieser Kummer im Mittelpunkt stand am Israelsonntag, da war noch die Nähe dieses Sonntags zum traurigsten Tag im jüdischen Kalender spürbar. Das ist der 9. Tag des Monats Aw, der zeitlich oft sehr in der Nähe des Israelsonntags liegt. 2020 haben Juden in aller Welt diesen Tag am 30. Juli begangen, mit Fasten und Trauer über die Zerstörung der Stadt, über Heimatlosigkeit und Exil seither.

Aber christliche Predigten am Israelsonntag trugen und tragen leider ganz andere Neben-Töne. Sie erzählen nicht von Jesu Trauer, sondern suchen Schuld bei den Trauernden: „Die Juden“ hätten es nicht anders verdient. Uneinsichtig seien sie, weil sie Jesus nicht als den Heiland der Welt anerkennen. Oder schlimmer: „Die Juden“ hätten Jesus doch gekreuzigt, da sei die Zerstörung ihres Tempels doch schon in Ordnung. Johann Sebastian Bach hat zum Beispiel eine Kantate für den Israelsonntag geschrieben, die ich am liebsten ohne den Text hören möchte. Die Musik klagt und trauert. Der Text triumphiert: „Durch deine Schuld“, Jerusalem, bist du zum „armen Stein- und Aschehaufen“ geworden.

Nur durch die Taufe könnten Juden zu Gott kommen, sagten die Theologen. Die christliche Mehrheitsgesellschaft blickte auch auf getaufte Juden mit aller Verachtung herab.

Es sind solche unselige Erbstücke der christlichen Theologie, die leider erst dann auf den Prüfstand kamen, nachdem die Deutschen versucht hatten, das europäische Judentum auszulöschen und Millionen Juden ermordet hatten.

Aber wie es so ist mit lange eingeübten Denkmustern: Sie gehen nicht so einfach weg. Allein die Rede vom „rachsüchtigen Gott“ des Alten Testaments – also der Juden – als Kontrast zu Jesus, der die Nächstenliebe predigt ist allgegenwärtig in unseren Gemeinden. Und so absurd! Alles, was Jesus predigt, schöpft er aus jüdischem Denken und Glauben.

Wie also heute den Israelsonntag begehen? Für mich heißt Israelsonntag heute: Besinnung auf die unwandelbare Treue Gottes zu seinem Volk, den Juden. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, schreibt schon Paulus, im Gegenteil. Das Judentum ist der alte Olivenbaum, fest verwurzelt und Früchte tragend bis heute, und die Christen sind ein jüngerer Zweig, der auf diesen Baum aufgepfropft ist – dieses Bild findet Paulus im Römerbrief (Kapitel 9-11).

Israelsonntag heute heißt für mich: Besinnung auf die Verbindung der Kirche mit dem jüdischen Volk. Diese Verbindung ist gegründet auf Jesus Christus, den Juden.

Israelsonntag heute heißt für mich: Freude an Israel. Freude darüber, dass Gott sein Volk bewahrt hat, über Jahrtausende von Ausgrenzung und Verfolgung hinweg. Freude darüber, dass sogar in unserer Stadt heute deutsche Juden und Juden aus aller Welt leben – 75 Jahre nach dem präzise geplanten Massenmord durch die Deutschen.

Diese Freude heißt auch: die christliche Kirche hat keinen Missions-Auftrag unter Juden. Gott ist mit seinem Volk, bis heute, deshalb müssen die Christen Juden nicht taufen, damit sie „zu Gott“ kommen. Sie haben den Zugang zu Gott schon viel länger als wir Christen.

Das alles heißt „Israelsonntag“ – und damit ist eigentlich auch klar: Jeder Sonntag ist ein Israelsonntag. Aber eigentlich ist ja auch immer Weihnachten und immer Ostern, denn an jedem Sonntag feiern wir das Wunder der Menschwerdung Gottes und das Wunder, dass Gottes Liebe selbst den Tod überwindet. Trotzdem lohnt es sich, einmal im Jahr all diese Wunder – das Kind in der Krippe, den Auferstandenen, die Wurzel des Judentums, die uns trägt bis heute – in den Mittelpunkt zu stellen und zu feiern.

In diesem Sinne: Einen frohen Israel-Sonntag wünsche ich Ihnen!   

Ihre Pfarrerin Ute Sauerbrey

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Kategorien Kirchenjahr