Veröffentlicht am Fr., 14. Aug. 2020 23:19 Uhr

"Schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit" - so lesen wir im biblischen Buch des Predigers Salomo. Klingt etwas banal, ist aber kompliziert. Woran erkenne ich die rechte Zeit, also den treffenden Moment für das eine oder das andere? Jede und jeder von uns kennt das rückblickende Dilemma: "...hätte ich bloß die Klappe gehalten oder den Mund aufgemacht"! Unabhängig von Temperamenten durchzieht diese Spannung unser Leben. Als Individuen, Gruppen und  auch als Gemeinden und Kirchen fragen wir: Wann ist es Zeit, um deutlich die Stimme zu erheben? Und wann fällt Schweigen womöglich mehr ins Gewicht, als eine weitere, kaum unterscheidbare Stimme abzugeben in einem großen Meinungs-Chor? Was ist eine wichtige, hilfreiche Zeitansage? 

Unlängst hatten wir im Bibeldialog unserer Gemeinde eine intensive Debatte um die 5. Bitte des Vaterunsers und also die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Vergebung. In einem leidenschaftlich geführter Gesprächsgang wurde gefragt: Ist es für Prozesse des Vergebens unverzichtbar, dass Einsicht in Schuldverstrickung - und wo möglich auch Vergebungsbereitschaft - ausdrücklich benannt werden? Oder kann es Situationen geben, in denen das Reden besser unterbleibt, damit Heilung möglich wird? 

Häufig in ihrer jüngeren Geschichte sahen Kirchen sich Kritik ausgesetzt, wenn sie aufgrund des Öffentlichkeitsanspruchs des Evangeliums  zu brisanten Themen Stellung bezogen. "Zu lange geschwiegen"... "zu lasch"... "zu laut und zu einseitig" - das Echo ist meist vielfältig. Besonders kontrovers waren Auseinandersetzungen um das Verhalten der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus.  "...Unsere Schuld liegt sehr weit zurück. Sie besteht darin, dass wir geschwiegen haben, wo wir hätten reden sollen, und redeten, wo wir hätten schweigen müssen". So der Pfarrer Hans Asmussen in einer Predigt von 1945, noch bevor das - dann heftig diskutierte - Stuttgarter Schuldbekenntnis entstand. Offizielle kirchliche Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Fragen - etwa Wiederbewaffnung, Ost-Politik, Atomwaffen oder jüngst zur Rettung von Geflüchteten an den EU -Außengrenzen - wurden und werden kontrovers aufgenommen.

Gibt es auch ein begründetes kirchliches Schweigen in der Öffentlichkeit? Nach Ferienende werden nun in unseren Gemeinden Anstrengungen unternommen, um ein Gemeindeleben unter fortdauernden Corona-Bedingungen wieder möglich zu machen. Zugleich hat eine Debatte begonnen, die nachdrücklich nach der Rolle der Kirchen in den zurückliegenden Monaten fragt. Dabei lautet ein Vorwurf: Die Kirchen haben den Protest gegen die de facto Unterbindung eines ihrer Kernanliegen - nämlich ihr Einsatz für Mühselige und Beladene - gegenüber staatlichen Stellen nicht deutlich genug vorgebracht. Zuletzt hat der Journalist und Kirchenkenner, Heribert Prantl, diese Kritik in der SZ im Blick sowohl auf die Begleitung von Sterbenden und Menschen in Alten- und Pflegeheimen, als auch auf die Ermöglichung von Gottesdiensten formuliert. Es gibt gute Gründe, solchen Einschätzungen zu widersprechen: "zu überspitzt und zu undifferenziert". Kirchenleitende Stimmen weisen hin auf die hohe Verantwortung der Kirchen als gesellschaftliche Akteure und die vielfachen unternommenen Bemühungen um die Begleitung Notleidender, die kreativen Gottesdienst-Alternativangebote.   

Trotz der Mühen bei der angemessenen Umsetzung von immer neuen Hygieneverordnungen halte ich es für sinnvoll, wenn wir uns demnächst auch mit solchen Fragen befassen. Wie nehmen wir das Tun und Lassen, das Schweigen und Reden von Kirchen und ihren Repräsentanten/innen in diesen schwierigen Corona-Zeiten wahr? Mich hat eine Formulierung von Alt-Bischof Wolfgang Huber nachdenklich gestimmt: "Die Kirchen sind nicht systemrelevant, sondern existenzrelevant". Gefragt wäre dann danach, wie Kirchen in der Öffentlichkeit der Gesellschaft so präsent sein können, dass sie eine solche Behauptung von Existenzrelevanz verdeutlichen, plausibilisieren können. Wir sollten darüber miteinander ins Gespräch kommen. 

Christoph Anders, Pfarrer der Kirchengemeinde Waidmannslust 

PDF-Datei zum Ausdrucken und Nachlesen

(Foto: pixabay.com)

Kategorien Kirchenjahr